Was bedeutet Halbtagsnerd?

Elektrischer Reporter – Nerds: Weltretter mit Hornbrillen?

Nerd [nɜːd] (engl. für Langweiler, Sonderling, Streber, Außenseiter, Fachidiot) ist ein gesellschaftliches Stereotyp, das besonders für in Computer oder andere Bereiche aus Wissenschaft und Technik vertiefte Menschen steht.”

Die Wikipedia beschreibt einen Nerd als einen Sonderling, Mario Sixtus’ Darstellung eines Nerds oder Geeks im Elektrischen Reporter zeigt ebenfalls die sozialen Besonderheiten dieses Menschenschlages auf.

Für mich ist der Begriff Nerd in den letzten Jahren immer mehr zu einer Plakette geworden, die vielmehr als Accessoire dient. Wer sich Nerd nennt, behauptet damit, eine Materie sehr tief und genau beleuchten zu können, maßt sich selbst oftmals einen hohen Intelligenzquotienten an und versucht sich durch besonders hohe Kompetenz in mindestens einem Fachgebiet herauszustellen.

Oder aber: wer Nerd genannt wird, der erfährt den faden Beigeschmack eines Kompliments, das oftmals keines sein soll. Der Nerd ist der neue Freak, dessen Fähigkeiten mit einer minimal bewundernden, gelegentlich neidbehafteten Distanz betrachtet und beurteilt werden.

Nicht selten erhält man den Titel Nerd mit einem Unterbau aus Beleidigung und Urteil, schämt sich dafür, der zu sein, der doch “was mit Computern macht” oder sich einfach nur “damit auskennt”.

Zu schmerzhaft ist dann gelegentlich die Reduzierung auf das Nerdsein. Man möchte nicht darauf hingewiesen werden, dass die eigene Kompetenz und die Simplizität des eigenen Gemüts so leicht zusammenfassbar ist. Oder doch? Genießt man es vielleicht doch, einen Titel zu bekommen? “Der Mann für’s Grobe”, “Der Experte”, “Für diesen Job gibt es nur einen!” sind Bezeichnungen, derer man doch manchmal gern habhaft werden möchte.

“… Wenn du uns suchst, wir stecken immer tief in der Materie
Wir lieben unseren Job nicht, wir sind besessen davon …”

Besessenheit als Indikator für Nerdism? Galt nicht eigentlich auch die Kompetenz oder eben gerade diese als Beleg für einen richtigen Nerd? Oder kommt das eine zwangsläufig nicht ohne das andere aus? Fragen, die man sich vielleicht gar nicht stellen sollte, denn – platitüdenhaft formuliert – als Nerd wird man geboren und nicht als solcher sozialisiert.

Somit ist Besessenheit, insbesondere qua undefinierter Ausprägung und Erfolgsaussicht eben solcher, nicht als Faktor für Nerdism anzusehen.

Die Kinder-Flickr und Photoshopparty-Community DeviantArt gibt seinen Nutzern bei der Kategorisierung des eigenen Spezialgebietes die Möglichkeit der Bezeichnung “Deviant of many Talents”. Hierbei liegt die Betonung für mich weniger auf dem Begriff der Devianz, als auf die Vielfalt der Talente.

Für mich zeigt genau dies den Weg für meine Definition von Halbtagsnerd: die unbändige Leidenschaft für eine Vielzahl von Gebieten. Aber warum halbtags? Manch einer mag es gefährliches Halbwissen nennen oder die fehlende Kraft diagnostizieren, ein Thema bis ins Ultimo zu bearbeiten. Doch ob dies wirklich als negativer Aspekt zu betrachten ist, bleibt für mich fraglich.

Das Bedürfnis nach genauerer Auseinandersetzung mit Webtechnologien schließt die Begeisterung für das Verfassen von Gedichten ebenso wenig aus, wie meine Begeisterung für den Tanzsport das Interesse an Fußball torpediert.

“Nerds wie wir sind treu und glauben an wahre Liebe
Aber sind schon längst vergeben an ihre Spezialgebiete”

Für den Halbtagsnerd ist die Liebe zu Spezialgebieten die Polygamie des Interessierten. Es interessieren mich zu viele Dinge, als dass ich mich für eines oder einige wenige entscheiden möchte. Ich möchte alles! Ich möchte alles und ich möchte es jetzt! Ohne mich festlegen zu müssen.

Eine Feststellung, die in vielen Punkten für problematische Situationen sorgt. Zu wechselhaft die Interessen, zu sprunghaft das Gemüt – wohl ein Faktor, mit dem man als Halbtagsnerd leben muss.

 

Christian