Warum Twitter wie Facebook und ADN dennoch doof ist

8:00 Uhr morgens. Die junge Frau postet Bilder aus ihrem aktuell liebsten Onlinespiel, verbreitet die neuesten Bilder ihres Schwarmes und nimmt an einigen Gewinnspielen teil, indem sie ihren verknüpften Kontakten eine Meldung darüber zukommen lässt. Kurze Frage: von welchem Netzwerk reden wir? Facebook? Twitter? Richtig! Wir haben keine Ahnung. In den letzten Monaten – vermutlich weit zweistellig – verwandelt sich jedes soziale Netzwerk in einen Abklatsch seines selbst. Selbstverständlich lässt sich diese These nur auf den Nachrichtenkanal anwenden, denn nur da lässt es sich vergleichen. Galt jahrelang der Tenor „Facebook ist da, wo man über die Twitterwitze von vor drei Monaten lacht“, hat sich das Gefüge scheinbar verschoben zu „Twitter, wo man sich einigen Scheiß von Facebook abgeschaut hat“.

Wir ändern unsere Profilbilder zugunsten irgendeiner Aktion – bei Facebook gegen Brustkrebs, bei Twitter um die Republica zu supporten. Wir sammeln Likes gegen Hautkrebs und Sterne für die herzzerreißendsten Einzeiler über emotionale Einsamkeit. Wir bedaumen die Änderung des Beziehungsstatus eines Freundes bei Facebook und retweeten Beziehungsstatus-Gags auf Twitter. Auf beiden Seiten muten wir Hashtags, ignorieren Einladungen zu Spielen. Wir fallen auf Privatsphäre-Einstellungs-Postings ebenso hinein, wie auf vermeintlich offizielle Accounts. Wir weigern uns Einstellungen zu akzeptieren, geringe Freundes- oder Followerzahlen zu akzeptieren, bedanken uns bei Fans und Followern, hoffen auf offizielle Reaktion eher als per E-Mail. Wir verteilen Daumen und Herzen und klammern uns an kurze Erscheinungen innerhalb des Mediums – Trends, geteilte Links und vielleicht doch nur der auf beiden Seiten veröffentlichte Beitrag eines Funblogs.

Die Filter-Bubble als Erklärung

Natürlich mag das an der oft gescholtenen und herbeizitierten Filter-Bubble liegen, ¬†aber greift das Argument in meinen Augen nicht vollständig, da es ja eher den Trend als die Urheber an sich definiert, bzw. in Augenschein nimmt. Twitter ist möchte Information, Unterhaltung, Chat und Profilierungsplattform sein – ebenso wie Facebook. (Lassen wir an dieser Stelle mal den Apekt „if you are not paying for the product you are the product“ außer Acht) Und daran ändert auch die Veränderung der Filterblase kaum etwas – ob nun mehrheitlich netzpolitische Inhalte oder doch das traurige Frühchen mit dem Schlauch im Mund geteilt wird. Schnittmengen finden sich in jedem Fall. Natürlich ist mein Standpunkt an dieser Stelle subjektiv, wie es nur gehen kann, aber dennoch denke ich, dass eine gewisse Allgemeingültigkeit zu erkennen ist.

Two’s company, three’s a crowd.

Und nun hat sich vor einiger Zeit ein dritter in das Gefüge eingefunden, der – und so haben die meisten es zunächst verstanden – das Feld der Öffentlichkeitskommunikation im Internet (welch ein Schwachsinn) noch einmal erweitern wollte. Wie gesagt: zunächst verstanden. Erst einmal schien ADN ein Versuch, Twitter zu kopieren und durch ein paar mehr Zeichen attraktiver zu machen. Hier und da ein paar zunächst unnütz wirkende Funktionen angefügt, aber im Großen und Ganzen für die meisten dennoch nur ein Abklatsch der Vogelparade. Und die meisten tönten, dass Twitter nun am Ende sei.

Ja, natürlich. Die Vorteile sind immens. Weniger Bots, mehr Zeichen, ein elitäreres Umfeld, aber dafür weniger Spaß, weniger Leute und überhaupt etwas undurchsichtiger, was denn eigentlich der 100%ige Mehrwert sein soll. Klar, der Mehrwert ist ziemlich simpel: ADN bietet eine Vielzahl von Möglichkeiten, aber die haben nichts innerhalb dieses Kontextes zu suchen, da hier nur der Kommunikationskanal für mich entscheidend ist. Und da haben sie – zumindest für mich – zur Zeit verloren. Aber so schade ist es eigentlich gar nicht …

 

Christian