Familiärer Alltagsrassismus

„Ich bin zwar kein Nazi, aber …“ ist der Lieblingssatz von NPD-, DVU, AfD-, CSU, SVP(CH) und FPÄ(A)- Mitgliedern, die nur, weil sie pauschal etwas gegen alle Ausländer, Juden, Moslems, Homosexuelle und Schwarze haben, noch lange keine Nazis sind. Als Heimat dieses sehr beliebten Satzes zählen u.a. Facebook, YouTube und Twitter (die auch nicht Gesichtsbuch, DuRöhre und Zwitscherer heißen, wir sind ja nicht unter Nazis). Dieser Satz ist auch bekannt als der kleine Bruder von „Das wird man doch wohl noch sagen dürfen.“ (via Stupidedia)

Konsequenterweise müsste ich diesen Post beginnen mit „Ich bin zwar dein Onkel, aber …“, doch die Problematik des Alltagsrassismus beläuft sich natürlich auf weitaus mehr Bahnen, als nur im familiären Bereich oder Freundeskreis. Dennoch schmerzt es immer dann auf eine besondere Weise, wenn man zu lesen, spüren oder hören bekommt, dass die Menschen, mit denen man eine emotionale, blutgegebene oder vergangenheitsbasierte Verbindung teilt, sich von Dummheit, Fremdenhass und fehlender Logik verleiten lassen, Parolen und Phrasen gefährlichen Ursprungs zu skandieren.

Scham und Unverständnis versammeln sich in der Magengegend und die Frage, ob man so etwas nicht hätte früher erkennen können, kriecht von unten in die Gedanken. Würde ein Reporterteam mit laufender Kamera vor mir stehen, wäre meine Antwort vermutlich „Nein, ich habe nie etwas geahnt“ – nie geahnt, dass Freunde, Bekannte und Familienmitglieder im Stande sind, ihren Alltagsrassismus in sozialen Medien öffentlich kundzutun, herauszuschreien und zu unterstützen, was verbrämte und Ideologien verbreitende Gruppierungen (manche nennen sich sogar Parteien) mit Fackeln Schlachtrufen durch die Schichten unserer Gesellschaft tragen. „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ heißt in diesem Zusammenhang natürlich auch ganz deutlich „das werde ich ja wohl auch hier sagen dürfen“, denn – machen wir uns nichts vor – der praktizierte Kleinrassismus ist seit jeher Bestandteil unseres Alltags. Früher waren es Listen, kleine Zeichnungen oder Ähnliches, das im Freundes- oder Familienkreis verbreitet wurde. Und jeder hat einige rassistische Witze in petto. Sicher fast ebenso viele, wie Phrasen und Ausflüchte, die begründen, warum man kein ausländerfeindliches Gedankengut in sich tragen könne – „Ich habe sogar einen Italiener in der Mannschaft“ ist sicher ebenso verbreitet, wie „Wir gehen regelmäßig zum Griechen und der Vassily ist ein ganz Lieber!“

„Der Türke kann Kaffee, Döner, Bauchtanz. Mehr nicht. Das ist kein Vorurteil, sondern historisch erwiesen. Die alten Griechen, die haben historisch was geleistet, aber der Türke, da wird es eng.“ (aus „Stromberg“)>

In den eigenen vier Wänden konnte man ja schließlich tun und lassen, was man wollte. Insbesondere da herrscht ja Meinungsfreiheit und niemand sollte kontrollieren, was da gesagt wird und welche Meinung dem Gegenüber kundgetan oder gar aufgehalst wird – heutzutage gilt das natürlich nur für die Sprache, die gesprochen wird. Aber damals – da hat man ja auch noch lieber Wolfenstein gespielt, weil das mit dem Hitler so besonders war. Ein gewisser Reiz des Verbotenen lag in der Luft, wenn Dinge gesagt wurden, die man ja wohl noch sagen darf. Da wurde noch angemerkt, dass der neue Mitarbeiter im Betrieb für einen Türken gar nicht mal schlecht sei und „dem seine Aishe janz juut kocht!“. Doch nichtsdestotrotz bestand damals schon ein latenter Fremdenhass oder zumindest war eine große Fremdenskepsis deutlich spürbar. Und natürlich auf eine gewisse ansteckende Weise, denn wenn man als Heranwachsender häufig mit Vorurteilen und Argumenten gegen Flüchtlinge aus Jugoslawien konfrontiert wird, ist eine Skepsis eine Folge.

Doch scheinbar hat sich für den geneigten Gartenzaunnazi, der auch mal was gegen die Anderen sagen möchte, in den letzten Jahren eine neue Gartentür aufgetan, die es zu durchschreiten gilt: das Internet! Warum sollte man sein kleingeistiges Gedankengut denn auf die eigenen vier Wände voller guter deutscher Eiche beschränken, wenn das zustimmende Nicken anderer nun auch durch einen Klick auf „Gefällt mir“ erzielt werden kann? Und da der Kanal nahezu unbegrenzt zur Verfügung steht, sind spontane und weniger auf die Wirkung bedachte Aussagen schneller getroffen, als man den rechten Arm hochreißen kann.

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Doch wie geht man damit um, wenn das Profil hinter so einer Aussage ebenso in der eigenen Freundesliste, womöglich sogar im Familienkreis zu finden ist? Manche sind der Meinung, dass solche intellektuellen Fehlleistungen durch Ignoranz gestraft werden sollten – „zeig ihnen nicht, dass es dich ärgert, sonst hören sie nie auf“ hat Mutti schon immer gesagt. Doch ist das wirklich der richtige Weg?

Entfolgen, entfreunden, blocken und aus dem eigenen digitalen Leben streichen? Oder sich doch der Aufgabe stellen und der Dummheit einen Spiegel vorhalten. Wie Holger Klein immer so schön sagt „Mit Nazis diskutiert man nicht – Nazis lacht man aus“. Es macht nämlich wirklich Spaß und beruhigt, wenn man Menschen, deren Talent beim Auffangen der verteilten Gehirne nur dazu reichte, einen Arm zu heben und den auch nicht komplett, damit konfrontiert, wie gehaltlos und fehlerhaft recherchiert ihre Beweise für den Untergang des deutschen Volkes und besonders die Islamisierung eben dessen sind.

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„Wo ist denn da die Quelle?!!?“ schreit der Kleingartennazi und kann bei Erfüllung seines Wunsches (und der damit verbunden Panik ob der Fehlerhaftigkeit seiner Aussage) nur noch auf den Zeitpunkt der Daten verweisen und verstummt schließlich vollends. Dass das Posting über die Türken in der Schule nunmehr 4 Jahre alt ist, bedarf an dieser Stelle keines Kommentars.

Aber auch in die andere Richtung macht die Verwendung von Quellen wirklich gute Laune. Der Facebook-Faschist recherchiert ja nicht gern, sondern teilt lieber hetzerisch aufgemachte Bildchen und ignoriert korrigierende Hinweise.

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So viel Feindesgruppen in nur einer fehlerhaften Behauptung. Der böse Asylant bekommt ja noch mehr als ein Polizeihund! Und der blöde Polizist tut ja nicht mal was gegen den kriminellen Ausländer! Und hat dann noch einen Hund, der mehr bekommt als ein Hartz IV Empfänger? Nein, aber Hinweise auf den Fehler hinter einer solchen Aufstellung werden natürlich ignoriert. Es geht ja auch unter, zwischen all den anderen geteilten Beiträgen, die die Wahrung des deutschen Kulturgutes optisch und die Opferrolle des armen Deutschen inhaltlich propagieren.

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Tja, das Deutschland von heute. Wie Don Alphonso in der FAZ so schön erklärt, ist das Deutschland von heute tatsächlich ein wenig auf dem Wege, dem Rest der Welt einen Scheiß zu schulden, allerdings in anderen Maßstäben.

Es hat unendlich viel Arbeit im Grossen und Kleinen und viel Geld der USA gekostet, um nach 1945 mit den anderen Staaten Europas wieder so weit ins Reine zu kommen, dass sie sich auf eine Zusammenarbeit mit Deutschland eingelassen haben. Adenauer in Moskau, Brandt in Warschau, das sind nur die bekanntesten Beispiele dafür, wie man früher die Sache angepackt hat: Demütig. Überhaupt nicht als Herrenmensch.

[…]

„Vertraut uns“, war das Credo der deutschen Europapolitik der letzten 70 Jahre. „Befolgt unsere Anweisungen, wenn ihr wollt, dass wir euch vertrauen“, ist das neue Motto, und leider ähnelt es dem, was davor unter dem Joch der Deutschen in Konflikten üblich war.

Warum sich das nun ändert? Vielleicht wirklich, weil wir einen Schlussstrich unter unserer nationalsozialistischen Vergangenheit ziehen. Dies aber dann nicht ob des puren Schlussstrich-ziehen-wollen, sondern vielmehr als Folge einer Politik der letzten Jahrzehnte. Allerdings bleibt für mich dabei immer noch zu bedenken, dass eine Vergangenheitsbewältigung zwar abgeschlossen, ein Vergangenheitsbewusstsein jedoch niemals ad acta gelegt werden kann.

Doch genau dieses Bewusstsein existiert in den Köpfen der Facebook-Faschisten in verquerer Form. So wird die eigene – oder geteilte – Hasstirade gerade damit untermauert, nun endlich doch auch einmal den Mund aufmachen zu dürfen. Wurde man doch all die Jahrzehnte unterdrückt und durfte niemals etwas sagen – nicht gegen den Juden, den Türken oder den Franzosen. Doch pickt sich der Absender an dieser Stelle die Rosinen aus der großdeutschen Vergangenheit, wie Holger Klein und Toby Baier im letzten Realitätsabgleich anführen: wer einen Schlussstrich unter der nationalsozialistischen Vergangenheit setzen möchte, sollte auch aufhören, das Wunder von Bern immer noch als deutsche Meisterleistung hochzuhalten.

Schließlich haben wir in der Gegenwart ja genug Sorgen und Probleme als hartarbeitender, tüchtiger Deutscher. Einwanderungsfluten, Islamisierung des Abendlandes und überteuertes Tankstellentoastbrot machen dem guten Deutschen Angst und lassen nur eine Konsequenz zu: eine Stärkung rechtsgesinnter Parteien und Organisationen, Aufmärsche und Dummheiten verpackt in schlechten Grafiken. Ähnlichkeiten zu eigentlich zu vergessenden Momenten der deutschen Geschichte sind natürlich unbeabsichtigt und vermitteln kein Gedankengut. Und auch der Name der Facebookseite strahlt eine gewisse Friedfertigkeit aus.

volk

Aber was hat das Ganze eigentlich nun mit der Überschrift und dem Auftreten im Kreise der lieben Verwandten zu tun? Sie teilen es. Sie stehen hinter diesen Aussagen und werden somit zum Unterstützer und Verbreiter eines Alltagsrassismus, der die Keimzelle eines bevorstehenden Wiederkehrens der Vergangenheit, die wir ja eigentlich über einem Schlussstrich vergessen sollen. Sie vertreten eine Ansicht, die ich nicht nur nicht teile, sondern die ich als widerwärtiges Gedankengut zutiefst verachte und – so hart es auch klingt – das mich dazu bringt, mich für diese Menschen zu schämen, weil genau die es sein könnten, die in Rostock Lichtenhagen in vollgepissten Jogginghosen Parolen skandieren.

Reih dich ein in die Jogginghosen vollgepisst, du dummer mieser kleiner Rassist.

Vom Teilen bei Facebook bis zum Wurf eines Steins mag es zwar ein paar Schritte sein, aber der Grundstein ist gelegt. Und wenn derjenige den nicht aufhebt und wirft, dann vielleicht sein Nachkomme, der mit diesem Gedankengut aufgewachsen ist, weil Mama und Papa nicht nachdenken wollten und sich lieber an Parolen von Neonazis und anderer Gesinnungsgenossen gehalten haben.

Wer über Flüchtlinge öffentlich schreibt, man müsse “diese Maden auslöschen”, wer kommentiert: “Öffnet die KZs endlich wieder” – der ist ein rassistisches Monster, und jeder, der bei solchen Äußerungen “Like” klickt, ebenso. Denn diese Leute meinen das ernst. Und alles, was zwischen ihnen und einem terroristischen Mordanschlag auf Flüchtlingsheime steht, ist fehlender Mut. Und das leider immer seltener. 2015 steuert auf einen traurigen Rekord hin. Nach sechs Monaten gab es bereits 150 Anschläge auf Flüchtlingsheime, eine 75-prozentige Steigerung gegenüber 2014 und von 680 Prozent (!) gegenüber 2013.

(Sascha Lobo)

Nicht, dass einer meiner Verwandten so etwas schon getan hätte, aber vielleicht ist das auch nur die letzte Hürde, die es bis zu so einem Post zu überspringen gilt. Bis dahin bleibt ja noch das Teilen anderer, fragwürdiger Artikel von Neonazis bei Facebook.

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Solche Artikel hingegen bringen mich dann endgültig zu der Frage, wie man solchen Dingen begegnen soll. Und irgendwann erreicht die kleine Stimme in meinem Kopf, die sagt „Einfach auslachen oder ignoreren“ mein Gehirn dann auch nicht mehr und Reaktionen müssen her. Dass ein Kommentar auf meine Erwiderung natürlich ausbleibt dürfte selbstverständlich sein. Nichtsdestotrotz ist es mir wichtig, so etwas nicht unkommentiert stehen zu lassen.

So viel Dummheit und Halbwahrheit in einem einzigen Post. Aber was tut man nicht alles für ein kleines bisschen Aufmerksamkeit bei Facebook.

Die Welle von Fremdenfeindlichkeit, die ich in den letzten Monaten immer häufiger hier zu lesen bekomme, widert mich wirklich an. Insbesondere dann, wenn Menschen versuchen, ihre Abneigung und eventuell den fehlenden eigenen Wohlstand zu mit vermeintlichen Fakten zu untermauern versuchen.

Horden von Lampedusa-Flüchtlingen? Als Dank bekommt man Drogenhandel? Mich würde interessieren, woher diese Fakten stammen. Aber mit ein paar Begrifflichkeiten um sich geworfen, klingt der eigene Unmut doch gleich viel neutraler.

Wie sieht eure persönliche Erfahrung mit Flüchtlingen aus? Meine kann ich euch erzählen: an Silvester 2013/2014 war ich auf der Reeperbahn unterwegs, nicht weit von der St. Pauli-Kirche, in der einige Flüchtlinge untergebracht waren. Wir waren in einem Irish Pub und mir fiel ein Mann auf, der in etwa in meinem Alter war und komplett verängstigt in der Ecke stand und sich sichtlich unwohl fühlte. Er hatte keine Horde wohlgenährter Mitmenschen um sich, nicht mal ein Getränk in der Hand. Ich weiß es nicht, aber ich vermute, dass die Flüchtlinge an so einem besonderen Tag vielleicht auch einmal feiern gehen wollten / sollten. Nach feiern sah mir sein Verhalten jedoch nicht aus. Der Mann war verängstigt und fühlte sich unwohl. Fremdes Land, fremde Sprache und nicht akzeptiert.

Fehlende Akzeptanz, fehlende Möglichkeit der Eingliederung (insbesondere bei ungeklärten Verhältnissen durch illegale Einreise) führt natürlich keinesfalls dazu, dass die schiefe Bahn lukrativ erscheint. Das würde einem guten Deutschen ja nicht passieren. Hier nicht und schon gar nicht im Ausland. In seiner Heimat ist der Ausländer natürlich auch schon immer kriminell gewesen. Sonst könnte er die 8000–10000 Dollar ja auch nicht aufbringen und bar bezahlen. Denn so läuft das ja immer. Vermutlich gibt es Ticketschalter an Flüchtlingsbooten.

Richtig, der kleine Ildi wird nie nach Deutschland kommen, sofern ihm kein Tumor wächst und RTL und Co. ihn für das gute deutsche Gewissen einlädt und ihm ein Fußballtrikot schenkt. Und er wird keine gute Zukunft haben. Er wird auch nie eure Facebook-Posts lesen müssen. Aber wenn ihr ihm helfen wollt, dann macht doch einfach mal Folgendes: Für jedes Mal, wenn euch der gemeine, böse Ausländer aufregt und ihr euch ungerecht behandelt fühlt, spendet einen Kleinstbetrag in Richtung Ildi über https://sharethemeal.org/de/ oder Ähnliches. Das wäre doch eine Maßnahme und der hinterhältige und gefährliche Mann aus Afrika bekommt nichts ab.

Ach, das geht ja gar nicht. Ihr müsst ja gucken wo ihr bleibt, weil der Ausländer euch eure Jobs weg nimmt oder ihr den dicken Fernseher abbezahlen müsst. Genau so, wie der Flüchtling vermutlich auch seine Überfahrt – ein Leben lang …

Und was ist nun das Fazit des Ganzen? Ich kann mich mit dem Gedanken nicht anfreunden, solche Dummheiten zu ignorieren und mit anzusehen, wie die Kleinrassisten sich und ihre Mitmenschen in den Abgrund ziehen und werde daher weiter, wenn mir der Sinn danach steht, auf solche Dinge eingehen und sie kommentieren. So lange, bis sie meiner impertinenten Art überdrüssig sind und sich überlegen, solche Aussagen zu verbreiten oder mich aus ihrem Dunstkreis zu entfernen.

Ach ja, dass ich die Namen der betroffenen Verwandten und Freunde verborgen habe ist natürlich meiner Höflichkeit geschuldet. Ich denke, dass die Betroffenen sich dennoch angesprochen fühlen. Denn so etwas wird man ja wohl noch sagen dürfen …

 

Christian