… und der Thees singt uns ein Lied

Hamburg, Große Freiheit 36, 20. November. Als Letzter betritt ein Mann mit Lederjacke über vermutlich sorgsam ausgewähltem Double Denim die Bühne. Als wolle Thees Uhlmann davon ablenken gibt er Vollgas – von Beginn an. Seine Band tut es ihm gleich. Glaubwürdig ekstatisch untermalt sein Körper jedes Wort und jede Strophe. Ein wenig erinnern die Bewegungen an eine gelungene Kreuzung zwischen Joe Cocker und Henry Rollins. Faustschläge in die Luft, wie Uppercuts, die die Kraft jeder Zeile untermalt. Uhlmann lässt nichts aus, nicht einmal den Rap-Part von Casper bei „& Jay-Z singt uns ein Lied“, der an diesem Abend natürlich nicht da sein kann – fraglich, ob das nun wirklich schadet.

Die Lieder sind mehr als perfekt eingespielt, lassen keine „Naja, live sind die nie so gut“-Tiraden zu und passen in die Kulisse, wie es bisher für mich nur das Palladium in Köln geschafft hat. Vielleicht liegt es auch an der immer wieder zu betonende Leidenschaft, die die Musiker da von der Bühne schieben. Uhlmanns Jeanshemd verwandelt sich zum On-the-fly-Batikshirt der frühen Neunziger. Die Liebste und ich stehen in der Menge, genießen die letzten Zugaben und den überteuerten Jägermeister-Red Bull und merken, dass der Abend langsam dem Ende entgegen geht. Uhlmanns Jeanshemd hat schon Feierabend und nun trägt er das Merchandise-Shirt der Vorband. Ein Bühnenfauxpas, den wir ihm verzeihen – so, wie das Double Denim.

 

Olli Schulz und der Bär Bernd

Wer Geburtstag hat, der lädt verdammt noch mal auch Leute ein! Wo kämen wir denn dahin? Olli Schulz hatte Geburtstag und hat sich vorbildlich an den Grundsatz gehalten – wobei, zahlen mussten wir dennoch. Doch lud er nicht nur uns und weitere andere Menschen zu den vier Konzerten in Berlin und Hamburg ein, sondern auch den geschätzten Kollegen Bernd Begemann. Unsere Karten für den Zusatztermin in den „Fliegenden Bauten“ gezückt. Sonntag, 20 Uhr. Tische im Halbrund, Espresso und das große Holsten auf dem Tisch. Dame trinkt Sekt und kaut Brezel – bisschen Stilbruch muss sein.

Pünktlich schlendert das Geburtstagskind auf die Bühne und kündigt das an, was die Tourettehandschrift auf der Leinwand vermuten lässt: einen Abend mit Bernd und Olli. Wie gut auf dem iPad gemaltes aussehen kann, wird heute Abend nicht gezeigt, aber die Kategorienbilder zeigen, worauf wir uns einlassen. Schulz und Begemann wechseln sich ab und spielen für uns. Und für sich. Begemann spielt sowieso für die Kapelle in seinem Kopf – die Big Band, die seinen Rausch begleitet und die er verdient. Den Publikumswunsch nach „Don”t stop believing“ von Journey gekonnt angerissen und durch „Don’t fear the reaper“ von Blue √ñyster Cult ersetzt, auf seinen Song übertragen und mit nahtlosem Übergang hinter sich gelassen – nur kurz deutlich gemacht, was für ein großes musikalisches Talent dahintersteckt. Ganz klar, wer an diesem Abend für die Kunst zuständig ist. Schulz übernimmt den informativen Part – wir erfahren, dass die Beatles eigentlich zu zehnt waren, was der eine Song im „Grünspan“ war und wie es im „Zungenkuss“ in Wandsbek zuging. Und wir lernen, wie Männerfreundschaften aussehen. Okay, der obligatorische Mix aus Kuscheln und Beleidigen ist gespielt, aber wir glauben es. An diesem Abend glauben wir einiges. Auch an die Wirksamkeit der Pillen unter unseren Stühlen, die jeder Gast bekommen hat, glauben wir, behalten sie aber doch lieber als Andenken.

Begemann greift seine Gitarre, das Hemd verschwitzt, die Haare frisch gekämmt. Er stimmt die Takte an, die mir kurz Gänsehaut bereiten – „Fernsehen mit deiner Schwester“. Das Lied, dessen Cover – im Übrigen immer noch das Beste, was „Echt“ je zu Stande gebracht haben – mich vor knapp fünfzehn Jahren überhaupt erst auf Begemann gebracht hat. Die Passage „Sie mag das Palm Beach Duo …“ wird ersetzt – wie immer, aber diesmal mit einem großartigen Monolog über „Grey”s Anatomy“ – „gut gespielt, Sir!“ Doch zurück in die Realität, zurück zu Schulz. Es wird heiß, es geht um Sex. Es geht um das Beste, was ich je auf einer Bühne mit einem Publikum sehen durfte: Begemanns und Schulz’ Darbietung der grausigsten Anmachsprüche der Menschheitsgeschichte. „Du bist verhaftet wegen sexy“. Wir sollen mitsingen – brav getrennt nach Mädchen und Jungs. Doch wir können nicht. Der Bauch krampft, die Luft fehlt und überhaupt ist der Moment zu großartig. Vielleicht auch weil er in der Erinnerung bleiben muss. So lange, bis das Lied auch einmal veröffentlicht wird. Bis dahin bleibt nur der kurze Mitschnitt des Abends.

Der Auftritt wird länger, nicht lang genug, doch nach zweieinhalb Stunden ist es vorbei. Sie haben alles gegeben, wir haben alles genommen. Auch Schulz” letztes Hemd, das er sich vom Körper riss – auf den Tischen im Publikum stehend, das Mikrofon in der Hand und schreiend, dass Jonathan Davis heiser geworden wäre. „My father fucked me in the ass“ – Schulz Handreichung an Ko–Øn, deren Platten er so ungern spielte. Damals, im „Grünspan“. Heute, in den „Fliegenden Bauten“, bleibt nur die Gute Nacht, die man sich wünscht. Einen verdammt guten Abend hatten wir ja. Danke, Bernd und Olli

Update

Mittlerweile ist der Song erschienen und ihr könnt „Verhaftet wegen sexy“ bei Amazon und iTunes herunterladen.

 

Helden – Listen tonight

“Du willst mir 100 Euro geben, damit ich den Song spiele? Sehe ich so aus, als bräuchte ich 100 Euro? Ich geb’ dir 1000 damit du die Klappe hälst!”

Noel Gallagher – 03. Oktober 2012, Düsseldorf

Es gibt Musik und es gibt die große Liebe. Es gibt Lieder und es gibt Gefühle. Es gibt Musiker und es gibt Helden. “Please don’t put your life in a hand of a Rock’n’Roll Band” – zu spät. Mein Herz habe ich vor 15 Jahren an Oasis verloren. Oder gewonnen. Mal so, mal so.

In dem Moment wo Noel heute Abend die Bühne betrat, war für mich alles in Ordnung. Alles im Einklang. Alles so, wie ich es immer haben wollte. Die Augen schließen und die schmerzliche Kraft inhalieren, die sich nicht durch die Boxen übertragen lässt. Lederjacken-Scheißegalhaltung und “Aber-wenn-du-mich-richtig-nimmst-bin-ich-alles-für-dich”-Attitüde spürst du nicht über Saiten, Kabel und Technik – sie sind einfach da.

Rechts und links liegen Mädchen in den Armen ihrer Freunde. Bei mir nicht. Das ist mir egal.
“Zu Oasis kann man nicht tanzen, zu Oasis kann man nur trinken.” Oasis ist für Jungs, die Gefühle, die sie in mir auslösen für die Mädchen. Spätestens in dem Moment, wo Noel seine Gitarre nimmt und “Talk Tonight” anstimmt. Seit einem Jahrzehnt begleitet mich dieses Lied. Trägt mich. Lässt mich Menschen so nehmen, wie ich es tue. Heute höre ich zu. Genieße jeden Ton, jeden Takt und alles, an was es mich erinnert.

“I’ll Never Say That I Won’t Ever Make You Cry”

Das habt ihr nie. Nur dabei begleitet. Und das werdet ihr weiterhin. Immer.

Ach ja! Fuck you, Blur!