Musik, Persönlichkeit und Kevin Bannister

“Wenn ich eine Sorte Essen für den Rest des Lebens hätte?
Das ist einfach. PEZ. PEZ mit Kirschgeschmack.
Gar keine Frage.”

Verne Tassio – Stand by me

Einst erklärte Holgi in einer Ausgabe der WRINTheit dem feinen Herrn Semak, wie das Wort Lieblingsessen zu definieren sei. “Etwas, das du jeden Tag essen kannst, ohne dass es dir irgendwann zu viel wird” (an dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass dies kein Zitat ist).

Wenn es also um die Frage des Lieblingsfilms geht, dann bleibt die Beantwortung ebenfalls unter der oben genannten Prämisse – welchen Film kann ich jeden Tag sehen, ohne dass er mir aus den Augen herauskommt. Welchen Film kann ich nahezu unentwegt auf mich wirken lassen und dennoch immer wieder Neues aus seiner Story und seiner Umsetzung für mich entnehmen. Welcher Film vermag dies sowohl auf künstlerischer, als auch auf inhaltlicher Ebene?
Eine Frage, die ich für mich eindeutig beantworten kann: High Fidelity, High Fidelity, High Fidelity! Und zur Sicherheit noch einmal: HIGH FIDELITY!*

“What came first? The music or the misery?” – was war zuerst da? Das Buch oder der Film? Natürlich das Buch von Nick Hornby, das ich verschlang und das immer und immer wieder seinen Weg in meine Hände findet. Um das Trio perfekt zu machen, muss natürlich das Hörbuch erwähnt werden, das zu einem der besten in der Hörbuchwelt gehört und verschlungen werden sollte wie Omas Käsekuchen!

Doch zurück zum Film. Zum Setting. Zum Cast. John Cusack? Jack Black? Tim Robbins?
Sollte ja eigentlich genügen, aber ausführbar ist es natürlich schon noch. John Cusack, der für mich neben Edward Norton, Ralph Fiennes und – nicht lachen – Brad Pitt zu einem der charismatischsten und besten Schauspielern gehört, wurde einzig und allein für diese Rolle geboren. Für nichts anderes. Punkt. Rob Gordon wurde für Cusack geschrieben und lebt in dessen Performance. Abgedroschener könnte ein Review nicht sein, aber die schnoddrige Verletzlichkeit, die sich in selbstgefälligem Mitleid suhlt kann nur durch die Realität besser dargestellt werden – und das war jetzt kitsch as kitsch can. But true. Word! Cusack wird zu dem Mann am Ende des Tresens, dessen Geschichte zunächst interessiert, dessen Ausführungen zustimmendes Nicken hervorrufen und dem man am Ende des vierten Bieres an den Schultern schütteln und “Komm mal auf dein Leben klar!” in die unten hängenden Mundwinkel brüllen möchte.

Dass Jack Black als Barry die meiste Zeit Schläge verdient hat dürfte nicht wirklich zur Debatte stehen. So großartig verkörpert Black die Rolle des nervtötenden Möchtegerngiganten, dessen bloßer Existenz wir unwürdig sind. Gipfelnd in der Gallagheresken “Let’s get it on”-Performance von “Barry Jive and the uptown Five”.

What came first?  The music or the
misery?  People worry about kids
playing with guns and watching
violent videos, we’re scared that
some sort of culture of violence is
taking them over…

But nobody worries about kids
listening to thousands — literally
thousands — of songs about broken
hearts and rejection and pain and
misery and loss.

Did I listen to pop music because I
was miserable, or was I miserable
because I listened to pop music?

Doch, um den großen Schmalztopf der Phrasen für Filmkritiken vollends zu füllen, bleibt die Frage, wer der wahre Star des Film ist. Natürlich – und hier greift die Phrase – ist der wahre Star die Story – das bekannte Gefühl, der Kampf des Protagonisten. Der Film lässt sich immer genießen, immer verschlingen, aber nur in einer Situation für seine Zwecke nutzen: one of those what-does-it-all-mean things. (Charlie Nicholson)

Jeder kennt dieses Gefühl und sollte es kennen. Der abgrundtiefe Schmerz nachdem die neue Ex-Freundin die Wohnung verlässt, die innere Kälte, die einen  am Tag darauf umgibt. Die unbändige Freude, wenn der potenziell neue Partner nicht zu ihr ins Bett darf und nicht zuletzt die Aufarbeitung bisheriger Beziehungen und der darin gemachten Fehler. Doch viel wichtiger währt bei der Betrachtung die Erkenntnis, dass alles vorbei geht und dass das Leben Seiten aufzeigen kann, die man bisher noch nicht erlebt hat. Im negativen Sinne sowieso, doch auch im positiven, denn das ist etwas, das das Leben kann – zeigen, dass alle Kevin Bannisters und Alison Ashmores der Welt nicht ausreichen um das eigene Gemüt vollends zur Verzweiflung zu treiben. Und das überall auf der Welt eine Marie LaSalle auf uns wartet.
Und wem das jetzt noch nicht zu viel Grey’s Anatomy-Off-Speak war, um in zuckerwattigem Wohlgefühl zu schweben, der sei auf die einzig wahre Liebe in der ganzen Geschichte hingewiesen: die Musik.

Dass der Soundtrack Dinge mit sich bringt, die das vermitteln, was unser Leidgenosse seit Jahren mit sich herumträgt, ist kein Geheimnis und gründet sich auf genau das, was uns am Ende bleibt – die Liebe zu uns selbst und zu einer Sache, die unser Herz schlagen lässt. Was auch immer das bei jedem einzelnen von uns sein mag.

Dass ihr den Film sehen müsst, ist keine Frage. Ob ihr den Film sehen wollt vielleicht schon eher. Habt ihr den Film gesehen? Noch nicht? Dann lasst euch gesagt sein:

…But the word “yet…” Yeah, you
know what, I’d get the impression.
that you wanted to see it.
Otherwise you’d say you didn’t
really want to.

 


*Möchte an dieser Stelle anmerken, dass ich eine Punkband gründen werde, wir eine Platte aufnehmen auf der nur geschrien wird und wir diese “Kanal Versal” nennen werden. Justsayin’